Essays Northwest Territories

Das Schweigen der Prärie: Was mir Saskatchewan über Einsamkeit beigebracht hat

Wer durch Saskatchewan fährt, sieht: Himmel. Und noch mehr Himmel. Irgendwann hört man auf, nach Abwechslung zu suchen — und beginnt, das Eigentliche zu verstehen.

sven 3 Min. 50°26' N · 104°37' W

Nichts. Und dann: noch mehr Nichts.

Wer zum ersten Mal durch Saskatchewan fährt, sucht nach dem Moment, in dem die Landschaft beginnt. Sie beginnt nicht. Sie ist einfach da — flach, weit, unverhandelbar. Der Horizont liegt gefühlt tausend Kilometer entfernt, und er rückt nicht näher, egal wie schnell man fährt. Das kann man als Mangel begreifen. Man kann es auch als Einladung lesen.

Ole Helmhausen fährt die Nummer 1 ostwärts, von Swift Current nach Moose Jaw. Es gibt nichts zu fotografieren, was irgendjemandem etwas erklären würde. Also legt er die Kamera weg und fährt einfach.

Die Geographie der Leere

Saskatchewan hat keine Berge, keine Meeresküste, keinen tropischen Regen. Es hat Weizen. Und Himmel. Der Himmel ist das Eigentliche — so groß und so präsent, dass man irgendwann aufhört, ihn als Kulisse zu betrachten, und anfängt, ihn als Hauptdarsteller zu erkennen. Gewitterwolken formieren sich am Nachmittag zu Bauwerken, die tatsächlich wie Kathedralen aussehen, ohne dass man das metaphorisch meinen müsste.

Die Prärie zwingt zur Gegenwärtigkeit. Es gibt keine malerische Ablenkung, kein dramatisches Relief, das die Aufmerksamkeit verwaltet. Man ist einfach hier. Das ist zunächst unbequem. Dann wird es seltsam angenehm.

Was Einsamkeit wirklich bedeutet

Er übernachtet in einer Kleinstadt, deren Namen er vergessen hat, noch bevor er eingeschlafen ist. Das Hotel ist auch ein Pub, der Wirt auch der Koch. Beim Frühstück redet dieser Wirt über Dinge, über die Menschen in Städten nicht reden: den Preis für Weizen, den Zustand der Brücke auf der Route 42, den Sommer, der zu früh kam. Das sind keine kleinen Themen. Das sind die Dinge, die zählen — an diesem Ort, für diese Menschen.

Einsamkeit, so versteht Ole auf dieser Fahrt, ist nicht das Fehlen von Menschen. Es ist das Fehlen von Resonanz. Die Prärie resoniert laut — sie antwortet auf Licht, auf Wind, auf Jahreszeit. Man muss nur lernen, die Frequenz zu wechseln.

Die lange Gerade nach Hause

Am letzten Abend hält Ole auf einem Feldweg an, der senkrecht von der Hauptstraße abzweigt. Er stellt den Motor ab. Kein Geräusch, außer dem Wind über den Stoppelfeldern. Die Sonne geht unter — so langsam und so vollständig, dass der gesamte Westhimmel eine einzige rote Fläche wird.

Er sitzt dort, bis es dunkel ist. Dann startet er den Motor und fährt weiter. Er hat nichts entschieden, nichts geplant, nichts erlebt, das sich in drei Sätzen erzählen ließe. Er ist einfach gewesen, für eine Weile, an einem Ort, der das möglich macht. Das, findet er, ist genug.

Schreibe einen Kommentar