Mitternacht am Flughafen von Halifax. Mein Anschlussflug nach Montréal ist gestrichen, Ersatzflug unklar. Statt mit Wut oder erboster Suche nach Verantwortlichen reagiert man gelassen.
Die beiden Damen am Counter entschuldigen sich wiederholt: „Sorry.“ Die kanadischen Passagiere um mich herum nicken verständnisvoll, versichern den zur Nachtschicht verurteilten Damen: „So sorry for you!“ Kein Gezeter, kein erhobener Zeigefinger, keine erboste Suche nach den Verurteilten. Danach wurde mir wieder einmal bewusst, warum Kanada so anders wirkt: Höflichkeit hier ist nicht nur Etikette, sie ist Haltung.

Seit 30 Jahren ist Montréal meine Wahlheimat – für mich ist es die offenste, unkonventionellste und liberalste Stadt Nordamerikas. Regenbogenflaggen gehören hier zum Stadtbild, nicht nur im Gay Village oder in Vierteln wie dem kreativen Mile End.
Ich erinnere mich an ein schwules Paar aus Kansas, das ich an einem warmen Sommernachmittag auf einer Caféterrasse im Stadtzentrum traf. Latte, Croissants, das Gespräch verlief unbeschwert – sie erzählten, dass sie zu Hause nicht einmal Hand in Hand durch die Stadt gehen können. Und an den jungen kanadischen Wanderguide in den Bergen in BC, der beim ersten gemeinsamen Abendessen wie selbstverständlich nach dem Coming-out der beiden Niederländer in unserer sonst kanadischen Gruppe fragte.
Kein betretenes Schweigen, kein Getuschel – nur Interesse und Zuhören. Diese entspannte Aufgeschlossenheit ist typisch für das Kanada, das ich kenne.
Aufgeschlossenheit zeigt sich nicht nur in Fragen der Sexualität. Kanada ist ein Einwanderungsland.
Viele meiner Freunde in Montréal – und erst recht in Toronto, wo mehr als die Hälfte der Bevölkerung im Ausland geboren wurde – sind mit Vielfalt aufgewachsen. Verständnis für kulturelle Unterschiede ist gelebter Alltag. Gleichstellung gehört dazu.
Als Justin Trudeau kurz nach seinem Wahlsieg gefragt wurde, warum die Hälfte seines Kabinetts aus Frauen besteht, antwortete er schlicht: „Because it’s 2015.“ Punkt. Mein über 80-jähriger frankophoner Nachbar ist ähnlich pragmatisch: „Einwanderung macht uns stark.“ Kanada war auch sonst früh dran. Gleichgeschlechtliche Beziehungen sind seit 1969 legal, seit 1996 gesetzlich geschützt und seit 2005 ist die Ehe für alle möglich.

English, français und tout le reste
Englisch und Französisch prägen den Alltag. Montréal ist ein Kaleidoskop: widersprüchlich, kreativ, polyglott – ein bisschen Paris, ein bisschen Brooklyn. „Ein bisschen schizophren“, beschrieb mir Kathy Reichs, Krimiautorin und forensische Anthropologin mit Wohnsitz in Montréal, das einmal. „Aber genau darum liebe ich diese Stadt.“ Wer genau hinschaut, spürt die Freude an Begegnung – auch wenn das „Bonjour“ nicht perfekt sitzt.
Toronto hingegen wirkt klarer, ökonomisch getriebener, leistungsorientierter – und ist zugleich eine der multikulturellsten Städte der Welt. Morgens Tamil, mittags Sushi, abends Polnisch – alles ganz normal, niemand hebt die Augenbraue. Die gesetzliche Verankerung des Multikulturalismus seit 1988 spürt man überall: in Schulen, auf Festivals, im Fernsehen, in Behörden. Wer neu dazukommt, soll sich einbringen, nicht verbiegen.

Pucks, Pride und Politik
Zeitgemäßes auch in der kanadischen Unterhaltungsindustrie. In der kanadischen TV-Serie „Heated Rivalry“ (seit Februar auch in Deutschland) stehen sich zwei Eishockeyprofis gegenüber – der eine aus Russland, der andere aus Kanada. Was zunächst wie eine der üblichen Sportgeschichten beginnt, entwickelt sich bald in eine unerwartete Richtung: Aus harter Konkurrenz wird zarte Nähe, aus Zweikampf eine Liebesgeschichte.
Dass die Geschichte einer gleichgeschlechtlichen Liebe ausgerechnet im härtesten Mannschaftssport des Landes entstehen und international Riesenerfolge feiern kann, sagt auch etwas über Kanada. Premierminister Mark Carney ließ verlauten, eine Serie wie diese ließe sich im derzeitigen politischen Klima vieler Länder wohl kaum realisieren – in Kanada dagegen schon, und dazu von kanadischen Steuergeldern.
Weil Kunst hier Raum bekommt, um einfach zu erzählen, ohne ständig um ihre Existenzberechtigung kämpfen zu müssen? Jedenfalls ist auch dieser Sechsteiler ein Fingerzeig darauf, wie Kanada sich selbst sieht – und wie es gesehen werden möchte.

Lernen, lachen, loslassen
Natürlich hat auch Kanada keine weiße Weste. Die sogenannten Residential Schools – Internate, in denen indigene Kinder über Jahrzehnte von ihren Familien getrennt, ihrer Sprache und Kultur entfremdet und missbraucht wurden – haben tiefe Spuren hinterlassen. Lange wurde verdrängt, relativiert, gelogen, beschwichtigt. Erst allmählich begann eine breitere gesellschaftliche Auseinandersetzung. Ein wichtiger Schritt war die Truth and Reconciliation Commission, die das System dokumentierte und öffentlich machte, was indigene Familien bis heute traumatisiert.
Heute sind die Stimmen der First Nations, Métis und Inuit präsenter als je zuvor – in Museen, im Schulunterricht, im öffentlichen Diskurs. Auch im Tourismus hat sich etwas verändert. Indigen geführte Lodges, Restaurants, Weingüter und Tourenanbieter sind mehr als wirtschaftliche Initiativen. Sie schaffen Räume, in denen Begegnungen möglich werden, die früher kaum stattfanden: nicht als folkloristische Kulisse, sondern als Gespräch auf Augenhöhe.

Einige meiner eindrücklichsten Reiseerlebnisse verdanke ich genau solchen Begegnungen. In Nunavik, im hohen Norden Quebecs, zog mir einmal eine ältere Inuit-Frau unter einem energischen Wortschwall in Inuktitut ein Paar abgewetzter Seehundlederstiefel über die Füße – und bewahrte mich damit vor Frostbeulen. An der Hudson Bay in Ontario luden mich Cree-Gastgeber in eine traditionelle Sweat Lodge ein, wo ich meine Gedanken und Gefühle mit den übrigen Anwesenden teilen musste. Für mich war das neu und fremd – und zugleich überraschend heilsam.
Und im Blackfoot Crossing Historical Park in Alberta glaubte ich, abends „Spirits“ gesehen zu haben. Am nächsten Morgen erzählten mir meine Gastgeber von ihren eigenen Begegnungen mit den Geistern ihrer Verstorbenen. Und das so selbstverständlich, als ob sie vom letzten Besuch bei Nachbarn berichten würden. Plötzlich war da mehr als nur Gastfreundschaft. Ich habe von indigenen Gastgebern viel gelernt. Über Geduld und Respekt, über Spiritualität, über Lebensfreude – und über einen Humor, der oft leise daherkommt, aber erstaunlich treffsicher ist. Angesichts der leidvollen Geschichte ist diese Offenheit immer noch ein Wunder.

Gleichzeitig wäre es naiv zu glauben, Kanada habe seine Konflikte hinter sich gelassen. Auch hier verschieben sich politische Linien. Auf Bundesebene bedient sich der konservative Politiker Pierre Poilièvre einer populistischen Rhetorik, die auch im rechten Spektrum Europas zu hören ist.
In Alberta flirten manche Gruppen offen mit der Idee größerer Autonomie oder gar Unabhängigkeit; in Ontario und BC bedienen sich manche Gruppen migrations- und transfeindlicher Töne. Kanada ist nicht immun gegen die Polarisierung unserer Zeit, doch bislang bewahrt es seine politische Mitte und setzt wie seit 160 Jahren auf Kompromisse statt auf Konfrontation.
Vielleicht macht gerade dieser Kontrast das Land so interessant: Auf der einen Seite ernsthafte Bemühungen um Aufarbeitung und Verständigung, auf der anderen neue Spannungen, die an vertraute politische Muster erinnern. Kanada ist kein idyllischer Gegenentwurf zur Welt. Aber es ist ein Ort, an dem gerade sehr unterschiedliche Geschichten erzählt werden.

Land ohne Drehkreuz
Wandern in Kanada fühlt sich an wie tiefes Durchatmen. Kaum Zäune, selten Verbotsschilder – stattdessen Raum, Horizont und eine Stille, die in dicht besiedelten Ländern fast exotisch wirkt. Man geht einfach los. Durch Wälder, über Hügel, an Seen entlang. Und meistens fragt niemand nach einem Ticket.
Möglich macht das ein Prinzip, das hier fast selbstverständlich wirkt: das sogenannte „Right to Roam“, also das Recht, sich frei in der Natur zu bewegen. Rund 89 Prozent des Landes gelten als Crown Land – einst Besitz der britischen Krone, heute öffentliches Land, das von den Provinzen verwaltet wird. Wer sich rücksichtsvoll verhält, darf hier wandern, paddeln, zelten – oft ganz ohne Genehmigung, manchmal tagelang, ohne einer Menschenseele zu begegnen.
Natürlich gibt es Grenzen. Traditionell indigene Gebiete verlangen Respekt – und häufig auch eine ausdrückliche Erlaubnis. National- und Provinzparks haben klare Regeln, vor allem zum Schutz empfindlicher Landschaften. Aber selbst dort spürt man selten jene Schrankenmentalität, die in vielen anderen Ländern inzwischen selbstverständlich geworden ist. Und wer angeln oder jagen möchte, braucht ein Permit – völlig okay.
Vielleicht erklärt genau diese Haltung, warum sich Natur in Kanada anders anfühlt. Nicht wie ein Freizeitpark mit Eintrittskarte, sondern wie ein Raum, der allen gehört – solange man ihn respektiert. Für mich ist diese Freiheit mehr als ein Privileg. Sie ist ein stilles Statement darüber, wie ein Land mit seiner Landschaft umgeht.
Oder anders gesagt: Kanada lädt ein, einfach loszugehen. Ohne Drehkreuz, ohne Ticket – nur mit Zeit, Neugier und der Bereitschaft, Schritt für Schritt in eine Landschaft einzutauchen, die immer noch größer ist als jede Planung.

Die leise Kunst des Einvernehmens
Warum also wirkt Kanada oft anders – und dabei vergleichsweise entspannt?
Vielleicht hat es mit seiner Entstehung zu tun. Kanada entwickelte sich weniger aus revolutionären Umbrüchen als aus Verhandlungen und Kompromissen. Ein Staat ohne klaren Gründungsmythos, aber mit einer langen Praxis des Aushandelns.
Diese Haltung zeigt sich bis heute. Konflikte werden nicht vermieden, aber häufig weniger zugespitzt geführt. Der politische Diskurs bleibt meist darauf ausgerichtet, tragfähige Lösungen zu finden – auch wenn das langsamer und weniger spektakulär wirkt.
Dabei ist Kanada alles andere als zahnlos. Beim Weltwirtschaftsforum in Davos im Januar 2026 warnte Premierminister Mark Carney davor, sich aus globalen Entscheidungsprozessen herauszuhalten: „Wenn wir nicht am Tisch sitzen, stehen wir auf der Speisekarte.“ Gemeint war die Rolle mittelgroßer Staaten in einer zunehmend von Großmächten geprägten Ordnung – und die Notwendigkeit, eigene Interessen aktiv einzubringen, statt sie anderen zu überlassen. Der Satz markierte eine Zäsur: ruhig vorgetragen, sachlich begründet, ohne Pathos – typisch kanadisch eben.
Selbst beim Nationaltier zeigt sich dieser Hang zum Understatement. Statt eines majestätischen Raubvogels wie des Weißkopfseeadlers hat Kanada den Biber gewählt – ein fleißiges, etwas ulkiges Nagetier, das Dämme baut und kein Aufhebens um sich macht.
Und dann ist da noch diese berühmte Höflichkeit. Kanadier sagen oft „sorry“ – manchmal sogar, wenn sie gar nichts dafür können. Man kann darüber lächeln. Aber hinter dem kleinen Wort steckt mehr als bloße Umgangsform. Es ist eine Einladung, Konflikte klein zu halten, bevor sie groß werden. Wer das für ein Klischee hält, sollte einmal einen Blick in die sozialen Medien werfen. Auf den großen Kanada-Accounts berichten Reisende immer wieder von denselben kleinen Momenten der Freundlichkeit. Genauso, wie ich sie selbst erlebt habe – damals in der Nacht im Flughafen von Halifax.

