Reportagen Yukon

Erster Winter im Yukon: Als die Kälte zum Mitbewohner wurde

Der erste Abend, an dem das Thermometer auf minus 38 Grad fiel, war ein Dienstag. Nicht der dramatischste Wochentag für eine Erkenntnis, die das Leben verändert. Ich stand in meiner Küche in Whitehorse, hörte, wie das Holz der Außenwand knackte, und verstand plötzlich, warum die Leute hier oben so anders über Zeit reden. Nicht in Stunden. In Jahreszeiten.

sven 5 Min.

Ich war im September gekommen, noch mit europäischen Vorstellungen von Winter. Wollpullover. Thermounterwäsche. Eine gute Jacke. Die Nachbarin, Mary Rose, eine Tlingit-Frau in ihren Sechzigern, hatte mich angeschaut wie jemanden, der mit Sandalen zum Nordpol aufbricht.

Sie hatte recht. Was ich als „gut vorbereitet“ eingestuft hatte, war im Yukon bestenfalls ausreichend für einen Spaziergang zur Briefkastenleerung. Für alles andere — Holz holen, Auto anlassen, die zwanzig Meter bis zum Nachbarhaus — brauchte es Schichten, Rituale und eine Geduld, die sich nicht kaufen lässt.

Der Winter hier lehrt vor allem eins: Eile ist eine Illusion. Wer sich beeilt, schwitzt. Wer schwitzt, friert. Wer friert, macht Fehler. Die Kälte belohnt keine Ungeduld. Sie belohnt Aufmerksamkeit. Und sie hält ihr Versprechen: Wer ihr mit Respekt begegnet, bekommt dafür den klarsten Himmel der Welt — und, wenn man Glück hat, ein Nordlicht um drei Uhr morgens, das keine Kamera der Welt wirklich einfängt.

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