Begegnungen British Columbia

Joseph und das Land: Leben ohne Netz im Peace River Country

Die Auffahrt zu Joseph Clearwaters Farm ist vier Kilometer lang und nicht asphaltiert. Im Mai, wenn der Schnee taut, ist sie kaum befahrbar. Joseph mag das so. „Wer nicht wirklich kommen will, kommt nicht", sagt er, als ich schließlich in seinem Hof ankomme, mit einem Schuh voller Schlamm und dem Gefühl, angekommen zu sein.

sven 7 Min.

Die Auffahrt zu Joseph Clearwaters Farm ist vier Kilometer lang und nicht asphaltiert. Im Mai, wenn der Schnee taut, ist sie kaum befahrbar. Joseph mag das so. „Wer nicht wirklich kommen will, kommt nicht“, sagt er, als ich schließlich in seinem Hof ankomme, mit einem Schuh voller Schlamm und dem Gefühl, angekommen zu sein.

Joseph ist 54, hat zwanzig Jahre in Vancouver als Elektriker gearbeitet und vor zehn Jahren alles verkauft, um dieses Stück Land im Peace River Country zu kaufen. Sechzig Hektar, keine Nachbarn in Sichtweite, Mobilfunk erst ab dem dritten Hügel hinter dem Feld. Er betreibt eine kleine Gemüsefarm, hält Hühner und zwei Schweine, tauscht Überschüsse mit den Leuten im nächsten Dorf gegen das, was er selbst nicht produziert.

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Was er zurückgelassen hat

Ich frage ihn, was er vermisst. Er denkt kurz nach. „Das Kino“, sagt er. „Und manchmal guten Kaffee.“ Er macht eine Pause. „Aber das ist alles.“ Was er nicht vermisst — und da wird er ausführlicher — ist die Stimmung in der Stadt. Die Art, wie Zeit dort vorbeizog, ohne dass man das Gefühl hatte, sie erlebt zu haben. „Ich habe zehn Jahre gearbeitet und nicht gewusst, was der Oktober riecht.“

Das klingt nach einer Lebenshilfe-Phrase. Aber wenn man an diesem Morgen um sechs Uhr im Feld gestanden hat und gesehen hat, wie Joseph Kohl erntet, während der Nebel sich langsam über die Hügel zieht — dann klingt es einfach wahr.

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Sein Haus hat keine Zentralheizung, sondern einen Holzofen, der groß genug ist, um den ganzen Raum zu wärmen, und klein genug, dass man ihn zweimal täglich nachlegen muss. An der Wand hängt eine topografische Karte der Region, auf der er mit Bleistift eingezeichnet hat, wo er Elch gesehen hat, wo der Bach im Sommer trocken läuft, wo der Boden für Tomaten nicht gut genug ist. Eine handgemachte Infrastruktur des Wissens.

Bevor ich wieder abfahre, zeigt er mir den Keller. Reihen von Einmachgläsern, Kartoffeln im Sand, Zwiebeln, die von der Decke hängen. „Das hier ist der Winter“, sagt er. Nicht als Metapher. Als Tatsache. Hier liegt, was zwischen ihm und dem Nichts steht — und er hat es selbst gemacht. Das ist keine Selbstgenügsamkeit aus Prinzip. Das ist eine sehr alte, sehr ernsthafte Form von Freiheit.

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