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Reportagen Newfoundland & Labrador

Neufundland und Labrador: Kanadas klare Kante

Die Stille ist ohrenbetäubend, irgendwann macht sie süchtig. Abseits der Welt, am Rand des Kontinents: Battle Harbour. Früher Fischerei-Zentrum, heute ein Museumsdorf ohne Straßen, aber mit Seele. Hier sind die Guides keine Fremden, sondern hier geboren und verwurzelt. Sie erzählen ihre eigene Geschichte. Ein Erlebnis, das schon mit der Anreise beginnt.

Ole Helmhausen 10 Min.

Abseits der Welt, am Rand des Kontinents: Battle Harbour. Früher Fischerei-Zentrum, heute ein Museumsdorf ohne Straßen, aber mit Seele. Hier sind die Guides keine Fremden, sondern hier geboren und verwurzelt. Sie erzählen ihre eigene Geschichte. Ein Erlebnis, das schon mit der Anreise beginnt.

Am Fahrkartenschalter von Labrador Marine in St. Barbe, Nord-Neufundland. Die Autofähre nach Blanc Sablon (Quebec) an der Grenze zu Labrador war lange im Voraus gebucht, doch nun taucht die Reservierung im System nicht auf. Während die Schlange der Gummistiefelträger aus dem Schalterraum auf den Parkplatz hinauswächst, fährt die Dame hinter der Scheibe in aller Ruhe mit dem Finger über die ausgedruckten Buchungslisten. Von Stress keine Spur. Stattdessen beginnt sie eine Unterhaltung. Wohin es wohl geht? Battle Harbour? Sie blickt kurz auf und lächelt über ihre Brillenränder. Sie ist dort geboren, sagt sie, aber heute sei der Weg dorthin nicht mehr zu schaffen. Übernachtet in Red Bay und esst im Whalers Station zu Abend, lautet ihr Rat, während sie das inzwischen gefundene Ticket unter der Scheibe hindurchschiebt. „Grüßt die Besitzerin, sie heißt Marilyn. Der Nächste, next!“

2. ticket ins nirgendwo
2. ticket ins nirgendwo

Ticket ins Nirgendwo – und plötzlich wird alles anders

Während der knapp zweistündigen Fahrt mit der Autofähre „MV Qajag“ über die Strait of Belle Isle tauchen Eisberge am Horizont auf. In den Korridoren und am Buffet kreisen die Gespräche um die schwierige Lachssaison und die kürzesten Wege zu Ersatzteilen für den Dodge Ram 150, Kanadas unkaputtbares Lastpferd. Die muntere Kellnerin hinter der Theke empfiehlt „Grandmother’s Soup“. Die klumpige, alle möglichen Assoziationen anspornende Masse lässt jedoch selbst sie unfreiwillig lachen und stattdessen vom Eintopf zu Hause schwärmen. Als die Fähre in Blanc Sablon anlegt, fühlt sich diese raue Weltgegend am fernen Rand Nordamerikas schon viel weniger fremd an.

3. ankommen im norden
3. ankommen im norden

Ankommen im Norden

Rein zufällig verirrt sich niemand hierher. Labrador, so groß wie Italien und gerade einmal 30 000 Einwohner, lag schon immer an der Grenze des Möglichen. Das galt früher, als Wikinger, baskische Walfänger und Fischer aus halb Europa kamen und gingen, das gilt noch heute. Um nach Battle Harbour zu gelangen, braucht es ab Deutschland an reiner Reisezeit wenigstens zwei Flüge, mindestens zwei Übernachtungen und einen Mietwagen ab Deer Lake Airport (Neufundland). Einmal in Labrador, biegt man in Blanc-Sablon nach Osten ab und fährt auf dem Trans Labrador Highway (Hwy. 510) noch einmal 170 Kilometer durch hügelige Waldtundra, durch die man hin und wieder Flüsse, Seen und das Meer sieht. Gegenverkehr gibt es selbst im Hochsommer nicht. Die knapp 3000 zwischen Blanc Sablon und Battle Harbour lebenden Menschen verteilen sich auf Küstennester mit 14 bis 400 Einwohnern. Seit dem Zusammenbruch der Kabeljaubestände und dem Fangverbot von 1992 leben sie von Dienstleistungen, Kleinunternehmen und der Labrador Fisherman´s Union Shrimp Company, dem größten Arbeitgeber. Die Fertigstellung des Trans-Labrador Highway bis nach Goose Bay im Norden muss weitere Versprechen noch einlösen.

3.1. ankommen im ..
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Labrador: Am Rand des Machbaren

Wie mehr Besucher. Der touristische Urknall an dieser Küste ist bereits eine Weile her. „Als Kinder haben wir Steine-Hüpfen mit ihnen gespielt“, erinnert sich Chris Bridle in Red Bay und zeigt auf ein paar keramikrote Tonscherben im Gras. Der bärtige End-Fünfziger in der grünen Ranger-Jacke von Parks Canada schmunzelt. „Niemand sagte uns, dass wir die Reste 500 Jahre alter Dachziegel aus dem spanischen Baskenland versenkten.“ Red Bay, 140 Einwohner, liegt auf halbem Weg nach Battle Harbour und ist ein klassischer Outport: rote, weiße und gelbe Häuschen mit Schindelverkleidung auf baumlosen Landzungen, Eisberge draußen in der Labrador-See. Nach der Entdeckung einer riesigen, von baskischen Whalern im 16. Jahrhundert betriebenen Walverarbeitungsstätte nebst Schiffswrack und Friedhof wurde Red Bay 1979 zur National Historic Site und 2013 zum UNESCO‑Weltkulturerbe erklärt. Parks Canada eröffnete ein schönes Besucherzentrum mit Museum und setzte Süd-Labrador auf die touristische Landkarte.

3.2. ankommen im
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Gesprächige Steine

Nach dem Fangverbot sattelte auch Bridle, der wie jeder hier erst Fischer war und dann erst volljährig wurde, um. Heute führt er als Tour-Guide für Parks Canada Besucher über die Insel Saddle Island am Buchtausgang und spricht über die aktuellen Ausgrabungsarbeiten auf dem Walfänger-Friedhof. „Der Whaler-Alltag war hart und oft lebensgefährlich“, sagt er und geht auf dem schmalen Pfad voran. Möwen schreien, von der Labrador-See weht eine steife Brise herüber. Steine im Gras markieren die Gräber von 140 Walfängern, ein Schild zeigt eine Rekonstruktion der ummauerten Öfen, in denen der Waltran gekocht wurde, der einst das nächtliche Europa erleuchtete. Dächer mit Reihen rötlicher Dachziegel schützten sie vor den Unbilden des nordatlantischen Klimas. „Das waren taffe Kerle“, brummt Bridle und mustert die raue See mit zusammengekniffenen Augen. Bewunderung klingt durch, und Seelenverwandtschaft, unüberhörbar. Bei Fish ´n Chips abends im gemütlichen Whalers Restaurant gleich neben dem Besucherzentrum – danke für die Grüße aus St. Barbe, wir geben sie weiter – geht es um das Wetter. Für die nächsten Tage sei Nebel angekündigt, aber kaum Wind. Vor ein paar Jahren, erzählt eine der Kellnerinnen, habe ein Sturm ein komplettes Hausdach im Ort abgehoben und in die Strait of Belle Isle befördert. Niemand sei zu Schaden gekommen, gottseidank, aber dafür habe man, haha, eine Zeit lang den größten Legoklotz der Welt vor der Nase gehabt.

4.leben am limit
4.leben am limit

Leben am Limit – damals wie heute

Die traditionelle „Datenübertragung“ funktioniert bestens. Auch deshalb fühlt sich dieses karge, leere und in seiner Einfachheit wunderschöne Land sich mit jedem Kilometer vertrauter an. Das harte Leben in einem harschen Klima und einer lange vom Rest Kanadas als Armenhaus bezeichneten Provinz hat einen Menschenschlag hervorgebracht, der sich an seine Heimat klammert wie Muscheln an einen Schiffsrumpf. Und der sich trotz aller Widrigkeiten seine Menschlichkeit und Nahbarkeit bewahrt hat und dabei einen Humor besitzt, bei dem man einfach mitlachen muss. Ein uralter Witz bringt es auf den Punkt. Wie erkennt man die Neufundländer und Labradorians im Himmel? Das sind die, die nach Hause wollen ..

Die letzte Etappe auf dem Trans Labrador Highway beginnt in Mary´s Harbour. Die 45-minütige Fahrt mit der „Trinity Pride“, einem zum Wassertaxi umfunktionierten Fischkutter, führt durch dicke Nebelschwaden an den Schemen baumloser, unbewohnter Inseln vorbei. Auch Battle Island, die kleinere von zwei aneinander geschmiegten Inseln, sieht zunächst unbewohnt aus. Doch dann schwebt plötzlich ein ganzes Dorf aus weißen Holzhäusern mit roten Dächern, fotogener Kirche, Lagerhallen und massiver Pier über den Nebelschleiern. Gleich dahinter beginnt die offene See. Nächster Stopp wäre Grönland.

5.3. ankunft
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Ankunft im Weiß – Battle Harbour erscheint

Die raue Vergangenheit ist Battle Harbour nicht anzusehen. 1770 gegründet, war der Outport ein Zentrum der Kabeljauindustrie bis ins frühe 20. Jahrhundert und galt als inoffizielle Hauptstadt Labradors. Dutzende Schoner gingen hier vor Anker, ganz Battle Harbour war auf den Beinen: Netze wurden repariert, Wanten gewechselt, Holzfässer gezimmert. Männer und Frauen nahmen die Fische aus, pökelten sie und ließen sie noch in der Sonne trocknen, als der Rest Neufundlands den Salzfischhandel längst dank neuer Kühltechnik durch Frischfischindustrie ersetzt hatte. Mit dem Kabeljauschwund begann die Abwanderung der Einwohner, doch das Schicksal so vieler anderer Outports blieb Battle Harbour erspart. Gemeinden auf dem Festland gründeten einen Trust, um die Häuser vor dem Verfall zu retten. Spenden und Subventionen begannen zu fließen, 1998 wurde Battle Harbour zum National Historic District 1998 ernannt. Die größten der einstigen Fischerhäuser wurden nach und nach in Unterkünfte mit gemütlichen Zimmern verwandelt. In den alten Handelshäusern befinden sich nun ein General Store, ein Restaurant und eine Lounge mit Bar und Sofaecken. Straßen gibt es bis heute nicht auf der Insel. Alles geht zu Fuß. Und zwar quer über die Insel zu den schönsten Aussichtspunkten mit Wal-Potenzial, sobald die offizielle Tour durch die Lagerhäuser, wo Pökelsalz, Melasse und Schweinefleisch aufbewahrt wurden, absolviert ist, oder im Rahmen von Bootstouren, die weitere Inseln mit verlassenen Outports ansteuern. Es gibt keine Gehwege, kein Telefon, kein Funknetz. Die Stille ist ohrenbetäubend. Zunächst, doch dann macht sie süchtig.

Ohne Straßen, ohne Netz – aber mit Seele

So weit, so Museumsdorf. Battle Harbours Gamechanger ist der menschliche Faktor. Anstelle der sonst üblichen kostümierten Darsteller, die ihre Rollen und Texte einstudiert und auswendig gelernt haben, leben und arbeiten in Battle Harbour Menschen, die hier geboren wurden oder aufwuchsen. Sie sind zurückgekehrt, um ihrer alten Heimat als Handwerker, Guides und Köche neues Leben einzuhauchen und ihre Lebensgeschichte mit Besuchern zu teilen.

Da ist der knorrige Tischler und Guide Nelson Smith, Mitte 60, der alle Fanggründe rund um Battle Island wie seine Westentasche kennt und die alte Kirche vor dem Einsturz bewahrt hat, indem er sie mit Stahlseilen stabilisierte. Da ist die pensionierte Lehrerin Janice Hardy Walsh, die durch die alten Lagerhäuser führt und zeigt, wie sie als kleines Mädchen Fische in Fließbandarbeit ausnahm. Und da ist Daphne Smith, 62. Im Winter arbeitet sie in der Krabbenfabrik in Mary´s Harbour, im Sommer als Chefköchin im Restaurant. Natürlich ist das Leben heutzutage leichter und sicherer, sagt sie beim Teigkneten in der Küche.

Natürlich gab es damals traurige Geschichten. „Wir wuchsen am Wasser auf, fuhren in Booten herum, gingen auf der Nachbarinsel zur Schule und wurden oft erst spät in der Nacht wieder abgeholt, weil vorher niemand Zeit hatte“, lächelt sie und zeigt ein paar Narben auf ihrem Unterarm. „Wenn wir uns schnitten oder sonstwie verletzten, war das keine große Sache. Wir klebten die Wunde einfach mit Harz zusammen.“ Im Alltag half jeder mit. „Hier waren alle wie eine große Familie.“ Daphne schrubbte Böden, hängte Wäsche aus, brachte den Alten Essen, sammelte Brennholz.

„Jedes Kind musste täglich ein Scheit Holz in die Schule mitbringen, damit niemand frieren musste.“ Ihre hochschwangere Mutter machte den Weg im Winter im Hundeschlitten, um sie im Krankenhaus zur Welt zu bringen. Ein paar Tage später ging es mit Baby Daphne auf demselben Weg zurück, damit sie, wie ihre Mutter, Großmutter und Urgroßmutter vor ihr, in der Dorfkirche getauft werden konnte. Das alles bedeutet „Home“ für uns, sagt sie. Daphne wischt die Hände an der Schürze ab und gibt den Mädchen an den Töpfen Anweisungen. „Als die Leute vom Trust in Mary´s Harbour anriefen und mich fragten, ob ich in Battle Harbour arbeiten wollte, dachte ich als allererstes, wow, ich kann wieder zu Hause arbeiten!“

7. abendstimmung
7. abendstimmung

Die Abendstimmung – nicht mit Geld zu bezahlen

Kurz vor Sonnenuntergang ist es in Battle Harbour am schönsten. Die letzten Sonnenstrahlen tunken die Häuser in didicke,arme Farben. Gäste schlendern von ihren Behausungen gemütlich zum Restaurant, andere lassen das Abendessen ausfallen und steigen auf den Felsen hinter dem Ort, um von dort den Rundumblick auf diesen Rand Kanadas zu genießen. So sieht es also abseits vom Abseits aus. Ein einzigartiges, hartes Land mit Menschen, die ihre Menschlichkeit nicht verloren haben. Da wird man schon ein bisschen neidisch.

INFO

www: https://battleharbour.com

www: https://www.newfoundlandlabrador.com

ANREISE

Flug von Deutschland mit Air Canada oder Lufthansa über Halifax (Nova Scotia) nach Deer Lake (Newfoundland ] Labrador). Weiterfahrt mit dem Mietwagen auf der Trans-Canada Highway Route 1 und dem Viking Trail Route 430 nach St. Barbe. Autofähre von St. Barbe nach Blanc-Sablon in Québec. Weiterfahrt auf der Route 510 nach Mary’s Harbour. Von dort per Passagier- und Wassertaxi nach Battle Harbour. Fahrzeuge verbleiben in Mary’s Harbour.

UNTERKÜNFTE (auch für unterwegs)

Deer Lake: Deer Lake Motel, https://www.deerlakemotel.com

Red Bay: Whaler’s Station, https://www.redbaywhalers.ca

Battle Harbour: Historische Unterkünfte auf Battle Island über den Battle Harbour Historic Trust, darunter Battle Harbour Inn, Merchant Building und Grenfell Cottage. Zimmerpreise je nach Unterkunft und Saison ca. 295 bis 780 CAD pro Nacht. Buchung und Details unter https://battleharbour.com

AKTIVITÄTEN IN BATTLE HARBOUR

Geführte historische Dorftouren, mehrtägige Erlebnis- und Übernachtungspakete, geführtes Dorschangeln, Wanderungen auf Battle Island und Great Caribou Island, Audio-Historientour Battle Harbour Voices, Natur- und Tierbeobachtungen je nach Saison, kulturelle Programme und Museen vor Ort.

Ole Helmhausen
Autor

Ole Helmhausen

Ole Helmhausen (geboren 1958 in Ostwestfalen) ist freier Reisejournalist, Autor, Fotograf und Videojournalist. Seit 1993 lebt und arbeitet er in Montréal (Québec, Kanada) und berichtet für deutschsprachige Zeitungen, Magazine und Verlage aus Kanada und den USA.

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