Der erste Morgen im Niemandsland
Das Zelt hält dem Wind stand. Irgendwie. Ole öffnet den Reißverschluss und schaut auf eine Landschaft, die in kein Konzept von Schönheit passt, das er bisher kannte. Der Tombstone Territorial Park liegt zwei Stunden nördlich von Dawson City, an einem Schotterweg, der erst seit 1979 für Zivilfahrzeuge freigegeben ist. Wer hierherkommt, kommt freiwillig in den Verzicht — und das ist der eigentliche Eintrittspreis.
Drei Wochen, ein alter Ford F-150 mit 280.000 Kilometern auf dem Tacho, ein Zelt, zu wenig Proviant. Das war der Plan. Oder das, was damals als Plan durchging.
Das Land der Vuntut Gwitchin
Die Vuntut Gwitchin First Nation lebt seit Tausenden von Jahren in dieser Region. Der Name bedeutet in ihrer Sprache ungefähr „Menschen der kleinen Seen“. Tommy Charlie, ein Ranger des Parks, erklärt das mit einer Selbstverständlichkeit, die keine Romantisierung zulässt. „Wir sind nicht die Entdecker hier“, sagt er. „Wir sind das Land.“
Der Park selbst wurde erst 1998 formell ausgewiesen — nach jahrelangen Verhandlungen zwischen der kanadischen Regierung und den Gwitchin. Das Land gehört beiden, und das spürt man bei jedem Schritt auf den unbefestigten Trails. Hier ist Natur kein Konsumartikel, sondern eine Verpflichtung.
Grizzlys, Karibus und ein kaputter Benzinkocher
Am sechsten Tag gibt der Benzinkocher den Geist auf. Kalt essen, kaltes Wasser — das ist der verdichtete Inhalt der nächsten 36 Stunden. Der nächste Campingplatz mit einer Möglichkeit zur Reparatur liegt 80 Kilometer entfernt. In der Nacht hört Ole einen Grizzly ums Zelt schnüffeln. Er macht sich groß, klopft auf den Zeltboden, spricht laut. Der Bär trollt sich, vermutlich gelangweilt.
Karibus begegnet er täglich. Sie ziehen in Gruppen von Dutzenden über die weite Tundra, begleitet von einem Geräusch, das er nicht erwartet hat: das Klicken ihrer Sehnen, laut und rhythmisch, wie ein natürliches Metronom. Dieses Klickern ist das Geräusch des Tombstone Territorial Parks — nicht der Wind, nicht die Stille, sondern die Tiere, die das Land besitzen.
Was bleibt
Am letzten Abend sitzt Ole auf einem Felsvorsprung oberhalb des Graveyard Lake und schaut auf die spitzen Gipfel der Tombstone Mountains. Der Wind hat aufgehört. Die Stille ist so vollständig, dass man seinen eigenen Herzschlag hört.
Er hat in drei Wochen keine Nachricht aus Europa erhalten. Er hat das nach drei Tagen aufgehört zu vermissen. Was bleibt, ist ein nüchternes Wissen: dass es solche Orte noch gibt. Und dass das kein Selbstläufer ist. Jedes Jahr entscheidet die Politik von neuem, was schützenswert ist — und was nicht.