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Begegnungen Newfoundland & Labrador

Solange die Schuhe sichtbar bleiben

Dieser Tage ist uns wenig zum Lachen zumute. Weltpolitik als Realsatire ohne Pointe, politische Verschiebungen in Zeitraffer, steigende Preise für alles, vom Obst und Gemüse bis zu Kita und Miete. Die Welt ist im Dauerkrisenmodus.

Ole Helmhausen 4 Min. 49° 00′ 00″ N, 56° 00′ 00″ W

Dieser Tage ist uns wenig zum Lachen zumute. Weltpolitik als Realsatire ohne Pointe, politische Verschiebungen in Zeitraffer, steigende Preise für alles, vom Obst und Gemüse bis zu Kita und Miete. Die Welt ist im Dauerkrisenmodus.

Mit dem berühmten „Newfie-Humor“ kam ich zum ersten Mal in Edmonton in Berührung – dort, wo viele Neufundländer in den Öl- und Gasfeldern nahe BC arbeiten und vom Atlantik weit entfernt sind. Ein Mann erklärte mir den Weg, erzählte von seiner Schicht und sagte: „Can’t wait to come ‚ome.“ Dann der unvermeidliche Newfie-Witz: Woran erkennt man im Himmel die Neufundländer? Antwort: Das sind die, die unbedingt wieder nach Hause wollen.

Jahre später lande ich in St. John’s. Wind, der arbeitet. Regen, der querfällt. Ich denke: Warum nur, warum? „Good day you picked!“, ruft der Mann am Rollfeld. „Wie bitte?“ Er zeigt auf meine Schuhe. „You can still see ’em. That’s good enough.“ Optimismus, lokal kalibriert.

Im Taxi zählt Fahrer Eddie die vier Jahreszeiten an den Fingern auf: „Bad. Worse. What the hell is that? Summer – that’s on a Tuesday.“ Kein Groll, nur Befund. Die bunten Häuser der Jellybean Row wirken wie ein Einspruch gegen das Grau.

Im Café erklärt mir die Barista, was es mit den „Storm Days“ im Winter auf sich hat: Schulen sind geschlossen, alle bleiben zu Hause, backen, spielen Musik. „No shame in staying in.“

Was so viel heißt wie: Wer drinbleibt, gibt nicht auf. Sie oder er weiß nur, wann draußen Unsinn ist.

Abends bei O’Reilly’s an der Kneipenstraße George Street: Screech-In, der Eid auf die Insel, ein gläsern dreinblickender Kabeljau. „Muss ich wirklich?“ „It won’t kill ya. The fish’s already dead“, sagt eine Frau. Ich küsse ihn. Applaus. Bin jetzt Neufundländer ehrenhalber. Der Pub klatscht mich in die Gemeinschaft, als wäre ich gerade vom Nordpol zurückgekehrt.

Am nächsten Tag ein Abstecher nach Quidi Vidi. Ein winziger Ort wie ein Aquarell aus Fels, Wasser und wettererprobten Häusern. Ein Mann repariert seinen Zaun, der aussieht, als müsse er das jede Woche tun. „You’re not from here, are ya?“ „Wieso?“ „You look optimistic.“ Er lacht, ohne zu lächeln – eine Kunstform, die ich bis heute nur hier gesehen habe. Auf meine Frage nach dem neufundländischen Humor sagt er: „When the Atlantic keeps trying to move into your living room, you either laugh or go nuts. Laughter’s cheaper.“

Nachmittags legt der Wind in St. John’s noch einen drauf. Im Diner an der Water Street vergleichen sie Böen wie andere Leute Wahlergebnisse – aber mit einem Unterton, als sei es ein vertrauter Bekannter, der halt ein wenig übertreibt. „Worst storm in weeks“, sagt einer. „Last week’s was worse. That one wasn’t personal“, ein anderer. Beschweren als Bindung. Klage nicht als Rückzug, sondern als Ritual — wer mitlästert, bleibt nicht allein.

Am Abreisetag sagt der Taxifahrer: „Good day to fly!“ „Weil es regnet?“ „Exactly. So you won’t see how bad the wind is.“ Und da verstehe ich, was ich mitnehme. Dieser Humor verharmlost nichts. Er leugnet weder Sturm noch Wind noch Schieflage. Aber er verschiebt den Fokus vom Ausgeliefertsein zur Handlungsfähigkeit. Weil man das Wetter nicht ändern kann, ändert man den Tonfall. Man definiert neu, was ein „guter Tag“ ist. Man bleibt zu Hause, ohne sich zu schämen. Ohne FOMO, wie man heute sagt. Aus Gegenwind wird Gemeinschaft.

Im Dauerkrisenmodus meiner eigenen Welt heißt das: nicht jede Schlagzeile persönlich nehmen. Nicht jede Böe dramatisieren. Die Schuhe noch sehen? Reicht fürs Erste.

Und was den Mann aus Edmonton betrifft: Heimweh im Himmel ergibt Sinn. Denn Neufundland ist nicht nur ein Ort, sondern auch eine Haltung. Mit einem Humor, der widrige Realitäten nicht bestreitet – aber sich weigert, sich von ihr unterkriegen zu lassen.

Ich finde, in diesen Tagen benötigen wir alle ein bisschen mehr Neufundland.

Ole Helmhausen
Autor

Ole Helmhausen

Ole Helmhausen (geboren 1958 in Ostwestfalen) ist freier Reisejournalist, Autor, Fotograf und Videojournalist. Seit 1993 lebt und arbeitet er in Montréal (Québec, Kanada) und berichtet für deutschsprachige Zeitungen, Magazine und Verlage aus Kanada und den USA.

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